Bildung darf sich nicht an Vereinfachung orientieren!

Gudrun Bierbrauer-Haupenthal, stellvertretende Landesvorsitzende der FDP Saar und Deutschlehrerin an einem saarländischen Gymnasium, warnt davor, den Deutschunterricht an Maßstäben auszurichten, die aus einer Kultur der Vereinfachung und der permanenten Reduktion stammen. Bildung dürfe sich weder an Schnelligkeit noch an möglichst leichter Verständlichkeit orientieren, sondern müsse bewusst Tiefe, Differenzierung und geduldige Auseinandersetzung ermöglichen.

„Vereinfachung ist kein pädagogischer Fortschritt“, betont Bierbrauer-Haupenthal. „Gerade im Deutschunterricht führt sie nicht zu besserem Verstehen, sondern zu einem Verlust an Inhalt, Sprache und kultureller Bedeutung.“

Anlass zur Sorge geben aktuelle Debatten, etwa in Berlin, wo diskutiert wurde, klassische Werke wie „Faust“ nicht mehr im Original zu lesen, sondern auf gekürzte oder sprachlich vereinfachte Fassungen auszuweichen. Für Bierbrauer-Haupenthal ist dies ein problematisches Signal. Nicht, weil man Schülerinnen und Schülern unbedingt etwas „zumuten“ wolle, sondern weil man ihnen Wesentliches vorenthält. „Die Versuchung ist groß, anspruchsvolle Texte zu vereinfachen, um sie vermeintlich zugänglicher zu machen“, erklärt sie. „Doch was dabei verloren geht, ist nicht Nebensache, sondern der Kern der Werke: ihre Sprache, ihre Denkbewegung, ihre historische Perspektive.“

Die großen Werke der deutschen Literatur, ob „Faust“, „Buddenbrooks“, „Der Untertan“ und unzählige andere, seien kein beliebiger Stoff, den man nach didaktischer Zweckmäßigkeit kürzen oder glätten könne. „Diese Texte sind ein Fundus deutscher Geschichte und Kultur“, so Bierbrauer-Haupenthal. „Sie spiegeln gesellschaftliche Ordnungen, politische Mentalitäten und historische Brüche. Sich mit ihnen auseinanderzusetzen bedeutet, sich mit deutscher Geschichte und Kultur auseinanderzusetzen. Das geht nicht vage oder oberflächlich.“ Vereinfachungen nähmen diesen Werken genau das, was sie als historische Zeugnisse auszeichne: ihren Ton, ihre Perspektive, ihre sprachliche Haltung. „Ein vereinfachter Klassiker ist kein Klassiker mehr“, warnt Bierbrauer-Haupenthal. „Er ist ein pädagogisches Ersatzprodukt, das den historischen und geistigen Gehalt des Originals nicht tragen kann.“

Besonders deutlich werde dies an der Sprache selbst. Die deutsche Sprache sei historisch gewachsen, vielschichtig und in ihrer Ausdruckskraft eng mit den jeweiligen Epochen verbunden. „Die Schönheit und Vielseitigkeit der deutschen Sprache ist nur in den Originaltexten erfahrbar“, betont Bierbrauer-Haupenthal. „Nacherzählungen und vereinfachte Fassungen mögen Inhalte transportieren, aber sie tragen nicht die Sprache und damit nicht das Denken.“

Gerade bei Goethe, dessen „Faust“ gerade zur Debatte steht, zeige sich, dass Sprache nicht bloß Mittel, sondern die eigentliche Substanz sei. „Goethes Sprache ist der Denkraum des ‚Faust‘“, so Bierbrauer-Haupenthal. „Wer sie vereinfacht, verändert nicht nur den Stil, sondern das Werk selbst.“

Bierbrauer-Haupenthal warnt davor, gesellschaftliche Tendenzen zur Vereinfachung und Verkürzung unkritisch in den Unterricht zu übernehmen. Zwar sei es richtig, Schülerinnen und Schüler zu unterstützen, falsch sei es jedoch, die Anforderungen systematisch abzusenken. „Schule ist nicht dazu da, Komplexität abzubauen, sondern den Umgang mit ihr zu lehren“, sagt sie. „Wenn Aufmerksamkeitsspannen sinken und Sprache im Alltag verflacht, dann ist das kein Argument für Vereinfachung im Unterricht, sondern ein Auftrag zur Gegensteuerung.“ Gerade das Lesen ganzer, anspruchsvoller Werke zeige jungen Menschen, dass sie zu mehr fähig seien, als man ihnen oft zutraue. „Schwierigkeiten sind kein Gegenargument, sondern der Ausgangspunkt von Bildung“, erklärt Bierbrauer-Haupenthal. „Literarische Bildung entsteht durch begleitete Auseinandersetzung und eben gerade nicht durch sprachliche Glättung.“

Aus ihrer Sicht geht es daher um mehr als um einzelne Texte oder Lehrpläne. „Wenn wir beginnen, Literatur zu vereinfachen, verlieren wir nicht nur sprachliche Präzision, sondern auch historisch-kulturelles Bewusstsein“, so Bierbrauer-Haupenthal. „Wer verstehen will, was sein wird, muss verstehen, was einmal war. Literatur eröffnet diesen Blick, aber ausschließlich im Original.“

„Deutschunterricht muss ein Ort bleiben, an dem Sprache in ihrer ganzen Tiefe erfahren wird und an dem kulturelle Überlieferung ernst genommen wird“, sagt Bierbrauer-Haupenthal. „Wenn wir Klassiker nur noch vereinfacht vermitteln, verlieren wir nicht nur Texte, sondern den Zugang zu unserer eigenen Kultur und Geschichte.